The Hunt for Magic and Reason

How did I get here?


"Du bist hier, weil Du etwas weißt. Was Du weißt, kannst Du nicht erklären. Aber Du fühlst es. Du hast es Dein ganzes Leben gefühlt." -Morpheus in The Matrix, 1999

Die Frage des Mannes vor mir sickerte im Zeitlupentempo in mein verbarrikatiertes Bewusstsein. Meinte er mich? Oder die anderen Zwanzig in dem Raum? Gleichmässig verteilt auf dem honiggoldenen Boden standen wir bewegungslos, wie Wächter, und warteten auf jemanden der antworten würde. Seine schwarzen Augen waren lose auf mich gerichtet, ich fühlte mich entblösst in seinem Blick. „Ich bin Niemand, ich bin Nichts,“ sagte ich ohne Worte. Er sah mich. Und ich sah ihn mit den Poren meiner Haut, mit den Fühlern im Nacken. Es war ein Traum.

Was wollte er wissen? How did I get here? Generell gedacht oder spezifisch? Was hat mich hierhergebracht, in diesen Raum, in diese Stadt, in dieses Land, in seine exklusive Gegenwart? Die Wände vergassen auszuatmen, das Neonlicht über uns flickerte Nuancen stärker. Seine probende Frage warf sich in die Kluft der Stille, und ihr wuchsen eine Unzahl von Tentakeln, die wie schwarze Energie im All, durch den Schlamm der Moeglichkeiten bohrten. In dem grellen Scheinwerferlicht seiner Aufmerksamkeit rasten meine Gedanken durch das kunstvolle Gehäuse meiner Erinnerungen, wobei die Frage wie einen Tischtennisball an ihren vielen Wänden hin und her hüpfte.

In mancher Hinsicht war es kein Wunder ihm plötzlich gegenüberzustehen. All mein Wünschen und Sehnen, Hassen, Trotzen und Höhnen hatte mich hierhergebracht, in diesen wirklichgewordenen Traum der Illusionen. Ueber dreizehn Jahre lebte ich schon in dem unendlichen Häusermeer, das sich wie Krebs zwei Autostundenlang von Osten nach Westen dehnt und nur vorübergehend vom Pazifischen Ozean in Schach gehalten wird, der sagenhaften Filmstadt, deren alltägliche Ecken, Straßen und Kreuzungen auf Film verewigt, Ort und Gegenstand imaginärer Wunder, Heldentaten und herzzerreissender Dramen sind, verpackt zum Konsum für den ganzen Planeten. Als ob diese Stadt, die Stadt der Engel, die ihre selbstgeschaffenen Trugbilder der restlichen Welt verfüttert, auch Gestalt zu meinen Fantasien gebären könnte! Womöglich hatte ich diesselben Gehsteige, diesselben Türgriffe wie er berührt, ohne ihm jedoch zu begegnen. So ungreifbar nah.

Warum jetzt, nach so vielen Jahren? Schierer Zufall? Eine Laune des Universums? Es muss doch einen plausiblen Grund dafür geben. In einer Millionenstadt einem Menschen, der sich absichtlich in Anonymität versteckt, über den Weg zu laufen, ist schwieriger als eine Nadel im Heuhaufen aufzuspüren. In diesen dreizehn namenlosen Jahren, in denen ich die Façade dieser Metropolis durchstreifte, war ich nicht, wie manche andere, nach Yuma oder Nogales gefahren, um nach den Spuren des legendären Don Juans zu suchen. Ich war damit zufrieden gewesen, die Realität einer Literaturfigur meiner Vorstellungswelt zu überlassen. Ich beeinflusste nicht bewusst den Verlauf der Ereignisse.

 Was mich veranlasste das engstirnige Dorf meiner Jugend zu verlassen, was mich wie eine Nussschale über den westlichen Ozean trieb, dieses unerklärliche Etwas zog mich plötzlich in seine Gegenwart. Vielleicht war es meine Seele gewesen, die ihren Verlust beweinte und mich nachts als Kind aus Alpträumen weckte? Oder Hunger? War es ihre Klage, die gespensterhaft aus den abgrundtiefen Augen der Dreijährigen starrte? Vielleicht war es mein Sehnen nach ihr, das nach Liebe, Wahrheit und dem Sinn des Lebens suchte, und nur Abscheu, Haß, und Löcher sah? War sie es, die das kleine Dorf verließ, sich in die unbekannte Weite warf, da ihr die Enge Tod bedeutete? War es meine Seele, der keine Tiefe zu tief war, die sich nochmals verlor, da sie sich im Finden nicht fand? War sie auf der Suche nach mir, die engelhaft in Träumen nachts als Hexe im roten Seidenkleid über Spanien flog? Oder war es das Loch, das sie hinterließ, das sich blähte und wuchs, für das keine Liebe gut genug war? Es nagte und kratzte im Hals, glotzte aus meinen Augenhöhlen. Höhnisch sprach es über Liebe, Religion, Ansehen und Macht. Sie ließ mich nicht erblinden. Jahrtausende führte sie mich bei der Hand, und wenn ich auch nur strauchelnd hinterherstolperte, ab und zu erhaschte ich den Zipfel ihres Gewandes.

So kam es wohl, daß ich dem Zauberer begegnete. Er schlüpfte in mein Leben wie ein Socken, der beim Waschen vor langer Zeit abhanden gekommen war und plötzlich wieder auftauchte. Unerwartet erwartet. Aufgerüttelt aus meiner trägen Alltagsroutine, zitterte mein Innerstes vor Aufregung, während mein Verstand langsame Kreise des Nichtglaubenwollens zog. Kognitive Dissonanz.

„Von Deutschland bin ich gekommen,“ brach es ein Äon später aus mir heraus, als ob es eine Erklärung meiner ganzen Geschichte wäre. Mein freches Mundwerk war mit einem Blick zum Stammeln reduziert worden, worüber ich mich im Nachhinein ungeheuer ärgerte. Er mußte mich ja für eine Tölpelin halten. Die einfachste und wahrscheinlich richtige Antwort auf seine Frage wäre wohl gewesen, daß Kylie mich zu der Privatklasse der magischen Übungen eingeladen hatte.

Kylie, die nordische der zwei Leibwächterinnen, die die Hexen bei allen öffentlichen Auftritten begleitete, hütet das Tor. Sie war auch mit Florinda zur Autorenlesung des Sisterhood Buchladens in Westwood gekommen, von der ich durch einen wundersamen Zufall in den zehn Minuten Radiozeit, die ich täglich im Auto verbringe, erfuhr. Nur eine handvoll Interessierter, hauptsächlich meine Freunde, hatten sich in dem kleinen Raum des Frauenbuchladens eingefunden. Florinda sass, Zentimeter entfernt, vor uns. Sie sprühte vor Energie. Ihr Alter war schwer zu schätzen, sie musste Mitte Fünfzig sein. Ihr knabenhaft kurzgeschnittenes Haar glänzte wie Gold in Kerzenlicht. Aus ihren stechend blauen Augen schossen Blitze. Meine neugierigen Blicke, die nach Schönheitsoperationsnarben suchten, wanderten über sorgfältig gebürstete Augenbrauenbögen, über ein vollkommen glattes, pfirsichhäutiges, mandelförmiges Gesicht, eine delikat geformte Nase und ein energisches Kinn, das gewohnt war den Willen durchzusetzen. Sie trug keinen aggressiven Perfümgeruch an ihrer zartgliedrigen gut proportionierten Gestalt, sondern eine frischgestärkte Bluse und eine makellos geschneiderte Hose. Mit ihrer sauberen Frische und lässigen Eleganz schien sie aus einem Armani oder Guess Billboard gestiegen zu sein, auf welchem sie in einer lockeren Pose teilnahmslos über den orangegetönten kalifornischen Palmensonnenuntergang mit der Selbstsicherheit und Überlegenheit einer Adligen hinweggesehen hatte.

 Erwartete ich eine türkisbeperlte, mit Amuletten behangene Lynn Andrews Schwester oder eine grobschlächtige Braune mit Zöpfen und weiten Röcken, unter denen sie keine Unterhose trägt? Stattdessen fand sich vor mir ein weiblicher Johnny Carson, mit dem gleichen schelmishen Grinsen im Gesicht, dass sie auf einem gazellenhaften Hals balancierte. Sie ritt auf einer überschäumenden Welle der Zuversicht, in narbenloser, fast feenhafter Jugendlichkeit. Sie lächelte bereitwillig, sprach laut und in überschwenglichen Ausbrüchen, ohne zu zögern. Trieb sie ein Spiel mit uns, deren hungrige Blicke wie Süchtige an ihren Lippen hingen? Badete sie in unserer Aufmerksamkeit? Die gegebenen fünfzehn Minuten waren zu knapp um alle Fragen zu beantworten. Ich brauchte mehr Zeit um das Rätsel ihrer Erscheinung zu lösen. Draussen auf dem Gehsteig, vor dem Buchladen am Westwood Boulevard, musterte ich all meinen Mut auf und sprach sie auf Deutsch an: "Kann ich Sie wiedersehen?" Durch ihr Buch wußte ich von ihrer deutsch-venezuelischen Herkunft und hoffte mit diesem cleveren Manöver einen Fuß in die Tür der Welt der Zauberer zu stecken, bevor sie sich wieder schließen würde. Ihr Auge flackerte für einen Moment auf. War sie geschmeichelt?

Vielleicht war es die "deutsche Verbindung", vielleicht gefiel ihr mein offensichtlicher Eifer, doch möglicherweise war es nur eine momentane Laune, die sie veranlaßte mir eine andere Gelegenheit zu einem längeren Gespräch zu versprechen. Kylie, die unauffällige androgene Wächterin, gab mir ihre Telefonnummer.

Monate verstrichen. Bill Clinton wurde President. Audrey Hepburn starb an Darmkrebs. Honecker war frei nach Chile zu fliegen, da es seine Menschenrechte verletzen würde, als Kranker vor Gericht zu stehen. Das World Trade Center in New York wurde von einer Bombe beschaedigt, die christliche Sekte in Waco von der Regierung ausgeräuchert. Ja, und Prinz Charles und seine Frau Diane haben sich zur Trennung entschlossen. Eine Nachricht, die meine Mutter in Weinkrämpfe versetzt haben muß.

Gelegentliche Telefongespräche mit Kylie resultierten in geschrumpften Erwartungen, und immer der gleichen höflichen Erklärung einer außer Landes reisenden Florinda. War dies ein Test meiner Beharrlichkeit? Mußten sie mich erst aufweichen, um mich in leichte Beute zu verwandeln, mich wie zartes Fleisch zu marinieren? Oder war diese scheinbare Gelegenheit nichts als ein flüchtiger Blick, ein Schimmer im Angesicht des Schicksals? Meine Hoffnungen schrumpften zum Nichts, doch dann plötzlich, ohne Erklärung, war sie zum Gespräch bereit.

So sah ich sie wieder, die verkörperte Selbstsicherheit einer Frau und Stellvertreterin der Welt der Zauberer. In der Wohnung eines Freundes, vor der versammelten Gruppe von Carlos Interessenten, die sich zu wöchentlichen Diskussionen an Schamanismus trafen, hätte ich gerne gesagt, wie lange ich schon auf die Gelegenheit, eine bonafide Hexe kennenzulernen, gewartet habe. Welche Ehre es sei, sie hier willkommen zu heißen und wie gespannt ich auf ihre Geschichte war. Doch sie schnitt mich rasch ab. Sie bräuchte keine Einleitung, meinte sie, sie würde sich selbst vorstellen. Florinda Donner-Grau ist der Name, der ihr vom Meister gegeben worden war und durch Träumen reale Form annimmt. Sie wollte nicht die Erklärung einer anderen sein, sondern nur das Gebilde ihrer eigenen Fabrikation. In der regen Unterhaltung, die folgte, genoß sie es Fragen zu beantworten. So voller Leben, voller Energie schien sie mir. War sie nicht vom Alltag ausgelaugt, von der Rolle als Frau, Mutter, und Großmutter zerfurcht, verzehrt vom Kampf ums tägliche Brot? Sie war ja kinderlos, unverheiratet, und dem Leben der Hexe verschrieben. Ich hatte tausend Fragen, die in ihrer Gegenwart verstummten.

 Nur den eigenartigen Traum, den ich vor einigen Nächten gehabt hatte, mußte ich erzählen. Obwohl ich ihre momentane Abneigung spürte, überwandt ich meine gewohnte Zurückhaltung und sprudelte ihn einfach heraus. Im nichtsbedeutenden Traumalltag erwähnte plötzlich jemand den Namen „Florinda Donner.“ Da schlug es wie eine Faust in meinen Solarplexus und katapultierte mich in kristallklares Bewußtsein. Ich fand mich in einem schmalen, sich verengenden, pastellgrünen Holzkanal, durch den ich langsam kroch. Mein Freund Greg, den ich vor einigen Monaten durch eine Zeitungsanzeige kennengelernt hatte, hielt mich am rechten Fußgelenk fest. Wie ein Gewicht zog ich ihn hinter mir her, was meinen Fortschritt beträchtlich hinderte. Schließlich kam ich in meinem Traumkanal an eine Öffnung, die sich in eine kleine Stube weitete. Da waren Häuser wie Puppenstuben aufgebaut, Spielzeuggegenstände und Figuren, die ich mir eingehend betrachtete. Sie erinnerten mich an nichts. Das Traumbild schwächte und meine Konzentration zum Träumen war erschöpft. Oder war ich erkannt worden? Niemand schien in dem Raum zu sein.

 Florinda hatte amüsiert zugehört. Dann wechselte sie verständigende Blicke mit ihrer Begleiterin Kylie und meinte, es wäre Taishas Zimmer gewesen.

 Niemand hatte erwähnt, wer die Zauberübungen lehrt. In meiner Unbefangenheit hatte ich angenommen, es würden Kylie und Aricele, die Chacmools sein. Kylie, die während des Seminars in Arizona, mit ihrer amazonenhaften Stärke und animalischen Geschmeidigkeit, die hundert Teilnehmer aus körperlichen Trägheit gerissen hatte, und drei Stunden energetischer Übungen wie Minuten verfliegen ließ, war von mir und einer Freundin wiederholt gebettelt worden, in Los Angeles eine Übungsklasse zu beginnen. Als der kleine, grauhaarige Mann den Platz zwischen den beiden Wächterinnen einnahm, schien er mir ein großzügig geduldeter Mexikaner zu sein, toleriert wegen seiner Fähigkeit im leichten spanischen Akzent lustige Geschichten zu erzählen. Der freundliche, unscheinbare Mann im dunkelblauen Hemd, Jeans und beiger Windjacke, kam einem netten Grossonkel mehr ähnlich als einem Hexenmeister. Es fehlten ihm die fremdartige Kleidung, extravagante Kopfbedeckung, bärtige Kamuflage und mysteriösen Blicke. Die tiefen Linien, die sein Greisengesicht durchfurchten, gaben ihm die Erscheinung eines vertrockneten Apfelmännchens mit wildem, blauweissem Haar.

Seine Geschichten waren ironische Anekdoten. Untermalt vom Gelächter der Anwesenden, erzählte er von seiner Suche nach Gurus, in der er dem letzten wirklichen Guru auf den Treppenstufen begegnete, bevor dieser herunterfiel und sich das Genick brach. Um mich herum verteilten sich etwa zwanzig, mir unbekannte, vorwiegend weibliche Teilnehmer und im Rücken standen aufgereiht die Hexen. Alle waren im Bann dieses äusserlich so unauffälligen Mannes, der mit lässiger Gewandheit marionettenhafte Fäden zog, und dessen Gegenwart, plötzlich, durch ein kleines Loch in der Wand aus der Welt der Literaturfantasie, zur alltäglichen Welt geschlüpft war. Wo hatte diese Lücke begonnen? 

An einem zähen Sonntagnachmittag suchte ich, getrieben von Erinnerungen an ebenso erstickendleere Sonntage im Dorf, an denen sich nach der Kirche und dem Mittagessen nicht mal die Blätter der Lindenbäume zu regen wagten, und die Häuser sich in Gesichter mit schläfrigen, leeren Augen verwandelten, Erinnerungen an schwüle Gewitternachmittage, bevor die ersten Tropfen in die modrige Erde klatschten, der Wind in Schwallungen um das Stallgebäude peitschte und ich mich in kleinen Sprüngen dagegenwarf, nach einem Weg hinaus, hinaus aus dem Dorf, hinaus aus dem gewohnten Labyrinth meiner Gedankenwelt. Ich wollte der Wind sein, das Haus, der Waschtisch, das Kind, der Sprung, das Gefühl des Fliegens. Ich dürstete nach Inspiration, Hoffnung, nach Antworten, nach einem kleinen Schritt vorwärts. An diesem so unscheinbaren Sonntagnachmittag empfahl mir der Verkäufer, der mir unbedingt etwas andrehen wollte, im Phoenix Buchladen in Santa Monica, als Alternative zu dem versiegten Strom aus des Meisters Schreibmaschine, das Buch einer Zauberkollegin. Er spürte mein Zögern und die skeptische Miene, die Aufgewärmtes, Verwässertes, Gestohlenes vermutete, und wies mich auf die Autorenlesung hin, bei der ich mir selbst ein Bild von der Echtheit dieser selbsterklärten Hexe machen könnte.

Geschult durch einen Lügenvaterlehrgang, und genug Übung um durch den Vorhang einer in Selbstmitleid versunkenen Mutter zu blicken, glaubte ich mich bestens ausgerüstet, Vortäuschungen aller Art zu erspähen. Umsomehr überraschte mich ihre Offenheit, Klarheit, Aufrichtigkeit und Unkompliziertheit. Taisha Abelar, wie sich sich nannte, saß an einem kleinen Tisch, gekleidet in dezent gemusterter Seidenbluse und tadellos fliessender Hose. Ihre kurzen mausbraunen Haare, möglicherweise eine Perücke, umrahmten ihr alabasterblasses, ungeschminktes Gesicht und runden Goldohrringe. Sie ähnelte nicht meiner Vorstellung einer New Age Hexe, welche mit obligatorischen Indianerfedern, Quartzkristallen, Perlenkettchen, keltischen Broschen und Ringen ausgedeckt ist. Modern und unauffällig, verkörperte sie eher eine buddistische Nonne. Feingliedrige Hände ohne Nagellack untermalten die Erzählung über ihre Zeit als Zauberlehrling. Ihre stahlgrauen Augen bewegten sich klar und stetig, ihre Gedankenausführung wirkte logisch und zusammenhängend. Es müßte eine ausgezeichnete Schauspielerin sein, die ihre wahren Gefühle und Gedanken so verstecken kann, daß sie mit ihrer überzeugenden Vorstellung keinen Zipfel einer Lüge in der Körpersprache durchsickern lassen würde.

Oder wollte ich ihr nur glauben? Wollte ich das Unwirkliche, Wunderliche in mir erhalten? Sah ich Klarheit in blanken, ausdruckslosen Augen, las ich Schönheit in auswendiggelernten, nachgeplapperten Ideen? Nur weil ich es wollte, mich daran klammerte wie an einen Strohhalm?

Sie schrieb mir eine Widmung, wünschte mir das Beste, in die Vorderseite ihres Buches, das ich kurzentschlossen gekauft hatte und nicht nur um eine Gelegenheit zu haben, sie von der Nähe zu betrachten. Meine gestammelte Frage war so unwichtig wie ihre höfliche Antwort, wollte ich doch nur für einen ungestörten Moment ihre Aufmerksamkeit haben. Dieser Moment verriet keine Lügen. Sie war felsenfest von der Echtheit ihrer Erlebnisse überzeugt.

So wie er selbst. Ich stand vor ihm und starrte ihn wortlos an. Die plötzliche Erkenntnis der unerwarteten Möglichkeiten überwältigte mich. Seine Worte fielen auf mich ein mit der Gewalt eines Steinschlages, sie warfen mich zu Boden und schüttelten mich bis ins Gebein. Seine erstaunlichen Lehren öffneten Aussichten auf eine grandiose, sublime Landschaft, die bis zu dem Augenblick, in dem ich in die Nähe der elektrifizierenden Energie kam, die durch seinen drahtigen Körper und seine seltsam durchdringenden Augen schoss, nur flüchtige Fantasiegebilde gewesen waren.

 „Der Zauberer ist kein gewöhnlicher Mensch, er hat zusätzliche Mittel und Wege, im Leben und im Tod. In der Stunde seines Abschieds verwandelt er sein gesamtes Sein in eine einzige Energiezelle, die dann mit Bravour am Tod vorbei in die Unendlichkeit zischt. Normale Menschen haben keinen anderen Ausweg als die totale Vernichtung und Auflösung ihres Bewußtseins in das Adlerwesens des Todes, der einem Raubvogel gleich auf den Moment wartet, in dem sich das Bewußtsein vom Körper löst. Der Zauberer erkauft sich seine Freiheit durch das ständige, freiwillige Loslassen jeglicher Identifikation, Erinnerungen und Gefühle. In einer samtblauen Nacht sah er, zwischen Tränen, die strahlenden Lichter seines Zaubermeisters und dessen Kohorten über die Mauer des Anwesens hüpfen und in einem spiralenförmigen Kurs mit einer letzten Abschiedsgeste, wie ein lautloses Feuerwerk, in die violette Unendlichkeit des Universums verschwinden.“

War es eine disneyfizierte Geschichte aus den unveröffentlichen Werken der Gebrüder Grimm? Eine Ergänzung zu Baron von Münchhausens Lügengeschichten? Nein, er behauptete, es wäre die Wahrheit, so wahr und wirklich wie der Holzfußboden, auf dem wir in Pferdepose hin- und herquietschten. Er wolle kein Geld. Er würde uns nur den Weg zeigen. Wir bräuchten ihm nicht zu glauben. Wir sollten die Tatsächlichkeit seiner Lehre selbst ausprobieren. Seine Worte waren dringlich. Die Zeit war knapp. Er würde bald gehen. Da war kein Millimeter eines Zweifels, keine Furche der Täuschung, keine Geste, die ihn betrog. Oder war er selbst ein Trugbild? Konnte er, wie mein selbstbezogenes imaginäres Ausschmücken seiner Bücher, nur ein Geschöpf der Literaturfantasie sein? Dieser Mann vor mir, der sich Carlos Castaneda nannte. .

Die Frage des Mannes vor mir sickerte im Zeitlupentempo in mein verbarrikatiertes Bewusstsein. Meinte er mich? Oder die anderen Zwanzig in dem Raum? Gleichmässig verteilt auf dem honiggoldenen Boden standen wir bewegungslos, wie Wächter, und warteten auf jemanden der antworten würde. Seine schwarzen Augen waren lose auf mich gerichtet, ich fühlte mich entblösst in seinem Blick. „Ich bin Niemand, ich bin Nichts,“ sagte ich ohne Worte. Er sah mich. Und ich sah ihn mit den Poren meiner Haut, mit den Fühlern im Nacken. Es war ein Traum.